23.08.2016

Sind das 1,8 Millionen Jahre alte Wurfgeschosse?

Warum sammelten unsere Vorfahren in einer südafrikanischen Höhle Dutzende von kugelrunden Steinen? Forscher sind überzeugt: Die Kugeln wären geradezu ideal für die Jagd geeignet.

 

Die Hunderte nahezu identische und kugelrunde Steine, die vor 30 Jahren bei Ausgrabungen in der Cave of Hearths in Südafrika zum Vorschein kamen, waren sicher nicht per Zufall an diesen Ort gelangt. Aber welchem Zweck dienten sie einst? Und wie lässt sich dies überhaupt herausfinden? Ein Team um Geoffrey Bingham von der Indiana University in Bloomington hat sich nun die 55 der Steine genauestens angeschaut und mit der Hilfe von Psychologen und Bewegungsexperten analysiert.

 

Demnach dienten  die Kugeln wohl zumindest auch  als  Wurfob-

jekte bei der  Jagd oder  der Selbstverteidigung. Das  schlussfol-

gern die Wissenschaftler aus der Form der Objekte, die laut ihren Simulationen ideal dafür geeignet sei, um ein Ziel in rund 25 Meter Entfernung zu treffen. Handelt es sich bei diesem Ziel um ein mittelgroßes Tier wie etwa ein Impala, würden die Geschosse zudem einen nicht unerheblichen Schaden anrichten. 81 Prozent der Steine hätten der Idealform für diesen Zweck entsprochen, berichten die Forscher.

 

Die Steine, die  nicht  bearbeitet,  aber  offenbar  gezielt  ausge-

sucht wurden, könnten damit  eine  Vorform  oder  simple  Alter-

native zu Speeren darstellen. Sie sind ungefähr tennisballgroß, aber deutlich schwerer. Die Wissenschaftler sind überzeugt, wären die Steine hauptsächlich als Werkzeuge zum Zerkleinern oder Mahlen genutzt worden, hätten die Menschen noch einmal deutlich schwerere Gegenstände bevorzugt.  Nicht  auszuschlie-

ßen ist aber, dass die Steine neben ihrer  Funktion  als  Wurfge-

schoss auch noch anderen – oder sogar hauptsächlich anderen – Zwecken dienten.

 

Wer sich in der Höhle im Makapan-Tal und andernorts mit der mutmaßlichen Wurfmunition eingedeckt hatte, weiß man allerdings nicht genau. Sammlungen kugelrunder Steine finden sich in bis zu 1,8 Millionen Jahre alten sowie in erheblich jüngeren Schichten (ca. 70.000 Jahre, Anm. Fernando Calvo). Möglicherweise begeisterten sich unsere Vorfahren über Artgrenzen hinweg für die vielfältigen Verwendungen derartiger Steine. Gezieltes Werfen gilt als Kernfähigkeit unserer Spezies, kein anderes Tier kann mit einem unterwegs aufgelesenen und präzise geworfenen Geschoss seine Beute erlegen. Nach Meinung mancher Forscher könnte der menschliche Oberkörper sogar von der Evolution primär aufs Werfen optimiert sein.

 

 

© Jan Dönges für Spektrum.de

Fotos: Judy Maguire/Indiana University Bloomington

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