26.12.2016

Wissenschaftlerin rät: Wir sollten Titan kolonisieren

Wohin gehen die Menschen, wenn das Leben auf der Erde irgendwann nicht mehr möglich ist? Der Saturnmond Titan wäre der beste Ort für eine Siedlung im All, findet Amanda R. Hendrix. Warum, erklärt die Wissenschaftlerin im WIRED-Interview.

 

Elon Musk und die NASA wollen den Mars besiedeln. ESA-Chef Jan Wörner träumt von einem Dorf auf dem Mond. Das können nur Sprungbretter sein, sagt Amanda R. Hendrix. Zusammen mit dem Wissenschaftsjournalisten Charles Wohlforth hat sie das Buch »Beyond Earth: Our Path to a New Home in the Planets« geschrieben, in dem sie vorschlägt: Lasst uns Titan besiedeln.

 

Der Saturnmond ist seit der Cassini-Mission relativ gut erforscht. Dort herrschen eisige Temperaturen und vom Himmel fällt Methanregen. Warum der Mond aber trotzdem die beste Alternative für eine dauerhafte Kolonie im Sonnensystem ist und wie das Leben dort aussehen könnte, erklärt Hendrix im Interview. Sie arbeitet am Planetary Science Institute in Arizona. Zuvor war sie im Jet Propulsion Laboratory der NASA tätig, unter anderem als Deputy Project Scientist für die Saturn-Mission Cassini.

 

WIRED: Elon Musk und die NASA wollen Kolonien auf dem Mars errichten. Warum liegen sie damit falsch?

 

Amanda R. Hendrix: Ich denke nicht, dass sie falsch liegen. Es ist wichtig, zum Mars zu gehen. Ich denke nur, dass er ein Sprungbrett für einen anderen Ort sein sollte – nämlich Titan, den Saturnmond. Er ist eine bessere Option für eine langfristige, menschliche Siedlung als der Mars.

 

WIRED: Welche Vorteile bietet Titan, die der Mars nicht hat?

 

Hendrix: Es geht vor allem um die Strahlung. Sie ist das größte Problem für Menschen im All. Kosmische Strahlung, das wissen wir mittlerweile, kann nicht nur Krebs oder Sehprobleme auslö- sen, sondern auch Gehirnschäden verursachen. Wenn Menschen lange Zeit auf dem Mars bleiben wollten, müssten sie unter der Erde wohnen. Das ist nicht wirklich nett. Titan bietet einen natürlichen Schutz vor dieser sehr gefährlichen und schädlichen Strahlung und ist deshalb der bessere Ort, um dort lange zu leben.

 

WIRED: Auf Titan herrschen im Mittel Temperaturen von -179 Grad Celsius und es regnet Methan. Das klingt auch nicht sehr gemütlich.

 

Hendrix: Ja, es ist kalt. Weil Titan eine Atmosphäre hat, würde es allerdings reichen, einen warmen Anzug anzuziehen. Man bräuchte keinen Druckanzug wie auf dem Mars. Außerdem gibt es reichlich Energieressourcen, mit denen man die Gebäude sehr einfach heizen könnte. Und es regnet zwar Methan, aber nicht dauernd und auch nicht überall gleichzeitig.

 

WIRED: Wie würde das Leben auf Titan aussehen?

 

Hendrix: Es wäre in vieler Hinsicht wie auf der Erde. Die Land- schaft ist erdähnlich, es gibt Dünen, Wind, Seen und Meere. Man würde Kraftwerke bauen, die Energie und Sauerstoff produ-zieren. Mit den vorhandenen Kohlenwasserstoffen könnte man Gebäude aus Plastik bauen. Man könnte Lebensmittel anbauen. Transport mit Schiffen und Flugzeugen wäre möglich oder die Bewohner könnten selbst fliegen, aus eigener Kraft. Ab einem gewissen Punkt müsste man sich wahrscheinlich nicht mal mehr Gedanken über künstliche Gravitation machen, weil die Men- schen sich nach Generationen an die geringere Schwerkraft anpassen würden.

 

WIRED: Man müsste also kein Terraforming betreiben, um Titan mit aufwendigen Mitteln bewohnbar zu machen?

 

Hendrix: Nein, die Idee hinter Terraforming - zum Beispiel auf dem Mars - ist es, eine Atmosphäre zu schaffen, durch die man Luftdruck und etwas zum Atmen bekommt. Das ist extrem schwierig und braucht tausende Jahre. Aber auf Titan muss man das nicht tun, weil es schon eine Atmosphäre gibt und dadurch auch einen schönen atmosphärischen Druck. Es gibt zwar keinen Sauerstoff, aber genügend H2O in der Oberfläche. Man kann also Sauerstoff herstellen. Draußen bräuchte man dann ein Atemgerät, aber in den Gebäuden könnte man ohne herumlaufen.

 

WIRED: Das Leben auf Titan wäre also völlig autark?

 

Hendrix: Ja, das ist die Idee. Man müsste keinerlei Vorräte von der Erde nachliefern.

 

WIRED: Mars und Mond sind ja deshalb so attraktive Ziele, weil sie vergleichsweise nah sind.

 

Hendrix: Das würde keine Rolle spielen. In unserem Buch entwickeln wir die Idee, dass es ein sehr großes Raumschiff gibt, das hunderte von Menschen zum Titan bringen kann, wo sie dann bleiben. Generationen über Generationen würden dort existieren und ihre eigene Kultur und Regierung haben. Es wäre eine völlig neue Welt. Wenn man den Mond oder den Mars besiedeln würde, ginge es immer wieder darum, zur Erde zurückzukehren und neue Vorräte zu holen. Das ist auch okay, aber ein ganz anderes Konzept.

 

WIRED: Trotzdem muss man Titan erst mal erreichen.

 

Hendrix: Dazu braucht es noch große Technologie-Sprünge, besonders bei der Antriebstechnologie. Die ganze Titan-Idee soll ja schlussendlich vor Strahlung schützen. Wenn es aber sieben Jahre dauert, um zu Titan zu gelangen, bekommen die Menschen auf dem Weg dahin eine hohe Dosis Strahlung ab. Wir müssen also schneller zum Titan gelangen. Ich denke aber, dass das machbar ist.

 

WIRED: Sie schreiben in Ihrem Buch auch, dass die Technologie greifbar, die Barrieren aber institutioneller Natur seien. Was meinen Sie damit?

 

Hendrix: Die Technologie ist möglich. Es braucht aber die Verpflichtung von den Institutionen hier auf der Erde, diese Technologie voranzutreiben. Das Problem mit der Raumfahrt ist, dass es viele Orte gibt, die man erkunden kann. Es gibt aber auch viele Dinge, um die man sich auf der Erde kümmern muss. Deshalb denken die Menschen immer: Sollten wir unsere Mittel nicht lieber hier auf der Erde einsetzen?

 

WIRED: Eine Titan-Siedlung wäre völlig autark und losgelöst von der Erde. Kommerzielle Interessen lassen sich mit ihr kaum bedienen. Warum also sollte überhaupt jemand in eine Kolonie investieren?

 

Hendrix: Aus diesem Grund gehen wir in unserem Buch davon aus, dass die Menschheit die Erde verlassen muss. Die Menschen müssen eine Siedlung aufbauen, weil die Situation auf der Erde so schlimm geworden ist. Ich hoffe, dass das nicht passiert, denn zum Leben ist die Erde für uns wirklich der beste Ort im Sonnensystem.

 

WIRED: Doch es ist gut, an einem Plan B zu arbeiten, um für das Schlimmste vorbereitet zu sein?

 

Hendrix: Ja. Aber es ist auch wichtig, dass wir nicht aufhören, Dinge zu erkunden. Wenn wir mehr über unser Sonnensystem wissen, verstehen wir auch besser, was – wissenschaftlich gesehen – auf der Erde geschieht.

 

WIRED: Wäre es dann aber nicht klüger, alle Mittel so zu investieren, dass eine Flucht von der Erde unnötig wird?

 

Hendrix: Ich denke, es muss ausgewogen sein. Es ist natürlich absolut wichtig, dass wir die Erde erhalten. Aber wir können nicht komplett damit aufhören, das All zu erkunden. Ich habe die Sorge, dass wir vielleicht in den 2030ern zum Mars fliegen - aber was dann? Ich hoffe nicht, dass es wie bei den Apollo-Missionen läuft und danach für Jahrzehnte gar nichts mehr passiert. Deshalb denke ich, dass wir ein noch langfristigeres Ziel brauchen.

 

 

Quelle: Anna Schughart für WIRED, Foto: NASA

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