11.01.2017

Im Indischen Ozean bahnt sich ein Erdplattenbruch an

Das Wharton-Becken ist eine Tiefebene im Indischen Ozean. 2012 gab es schwere Erdbeben, die dort niemand erwartet hatte. Im Fachmagazin »Science Advances« deuten Forscher sie als Vorboten eines allmählichen Bruches der Erdkruste.

 

Es geschah am 11. April 2012: Ein Erdbeben der Stärke 8,6 erschütterte das Wharton-Basin, ein Tiefseebecken südlich von Sumatra. Wenige Stunden später folgte ein zweites mit der Magnitude 8,2. Solch schwere Erdbeben ereignen sich norma-lerweise an Plattengrenzen - an sogenannten Subduktions-zonen, wo eine Erdkrustenplatte unter einer anderen in den Erdmantel sinkt: „Das 8,6er-Beben im Jahr 2012 ist das größte, das jemals innerhalb einer Platte an einer sogenannten Blatt-verschiebung passiert ist. Bei dieser tektonischen Störung werden die Schollen horizontal gegeneinander versetzt. So, wie es an der San-Andreas-Verwerfung passiert oder der Nordanatolischen Verwerfung. Hätte sich dieses Beben in den Alpen ereignet, es hätte Millionen Opfer gegeben." Erklärt Satish Singh vom Institut du Physique du Globe in Paris.

 

Das Wharton-Becken ist Teil des Indischen Ozeans, der seine Entstehung dem Auseinanderbrechen Gondwanas vor 180 Millionen Jahren verdankt. Die Plattentektonik trieb die verschiedenen Teile des einstigen Südkontinents auseinander - darunter Indien und Australien: „Das Wharton-Becken selbst begann sich vor rund 80 Millionen Jahren zwischen Australien und Indien zu öffnen. Dieser Prozess lief über 40 Millionen Jahre hinweg, bis Indien dann mit Eurasien zu kollidieren begann. Dadurch änderten sich die Spannungen im Untergrund, die Öffnung stoppte, und die indische und australische Platte verschmolzen zu einer einzigen."

 

Indien und Australien bewegen sich unterschiedlich

Das scheint sich inzwischen zu ändern, denn seit rund 7,5 Millionen Jahren wird die Indo-Australische Platte im Bereich des Wharton-Beckens deformiert. Was genau passiert, ist Gegenstand wissenschaftlicher Debatten. Satish Singh kartiert und durchleuchtet dieses Becken seit dem 2012er-Beben mit modernen geophysikalischen Methoden: „Wir haben derzeit zwei Ergebnisse. Eines davon haben wir erwartet, nämlich dass es alte Störungen gibt, die aus der Zeit stammen, als sich das Becken öffnete. Diese Störungen wurden bei den Beben reaktiviert. Das war zu erwarten. Vollkommen überrascht hat uns, dass wir noch weitere Gruppen von Störungen finden, die fast senkrecht zu den alten Störungen stehen und die wir als Scherzonen interpretieren. Die Erdbeben von 2012 ereigneten sich also in einem Gebiet, dessen geologische Komplexität uns bislang unbekannt war." Dieses komplexe System im Wharton-Becken entstehe, weil sich Indien und Australien unterschiedlich bewegten, erklärt Satish Singh: Indien drängt sich mit einer Geschwindigkeit von 40 Millimetern pro Jahr nach Eurasien hinein, während sich Australien mit 17 Millimetern pro Jahr unter Java schiebt.

 

Das komplexe Störungsmuster, das wegen dieser unterschied-lichen Bewegungen innerhalb derselben Platte entsteht, ermöglicht es, dass die Indo-Australische Platte verdreht werden kann. Unserer Meinung nach entwickelt sich in dieser Zone eine künftige Plattengrenze zwischen Indien und Australien.

 

Störungen bis in den äußersten Teil des Erdmantels

Die seismischen Analysen zeigen, dass die Störungen, an denen dieser Prozess abläuft, bis hinab in 45, 60 Kilometern Tiefe reichen - also durch die komplette Kruste und bis in den äußersten Teil des Erdmantels hinein. „Wir haben immer nach einem Beispiel dafür gesucht, wie neue Plattengrenzen entstehen. Bislang kannten wir nur das Endprodukt. Zu beobachten, wie es beginnt, wie sich eine Plattengrenze zwischen zwei so großen Platten mit Indien an der einen und Australien an der anderen Seite entwickelt, ist etwas sehr Seltenes."

 

Über 1.000 Kilometer hinweg lässt sich verfolgen, wie an den alten Störungen die neue Plattengrenze entstehen könnte - ein marines Äquivalent zur San-Andreas-Verwerfung. Bis es so weit ist, werden viele Millionen Jahre vergehen. Und es wird im Wharton-Becken noch viele schwere Beben geben. Für die Menschen in den Anrainerstaaten bedeutete das 8,6er-Beben von 2012 keine Gefahr. Allerdings können solche »Geburts-wehen« das tektonische Spannungsfeld verändern. Auch im Bereich des Sunda-Grabens, wo 2004 ein schweres Erdbeben einen katastrophalen Tsunami ausgelöst hat: In 14 Ländern rund um den Indischen Ozean starben bis zu 280.000 Menschen.

 

 

Quelle: Dagmar Röhrlich für Deutschlandfunk

Foto: Australian Government, Geoscience Australia

3D-Tiefenkarte der Umgebung des Wharton-Beckens im Indischen Ozean
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