01.09.2019

Schädelfund rüttelt am Vormenschenstammbaum

Der Fund eines 3,8 Millionen Jahre alten Schädelfossils in Äthiopien liefert erstmals das Konterfei von Australopithecus anamensis - und rüttelt den Vormenschenstammbaum durch.

 

Das Afar-Dreieck im Nordosten Äthiopiens ist eine Schatzkammer für Vormenschenfossilien. Der vielleicht berühmteste Fund kam dort 1974 ans Licht: die 3,2 Millionen Jahre alten Skelettteile eines Australopithecinen-Weibchen, besser bekannt als »Lucy«. Anthropologen rechnen die Vormenschendame zur Art Australopithecus afarensis. Aus der Gattung der Australopithecinen sind vermutlich vor über zwei Millionen Jahren die ersten Vertreter der Gattung Homo hervorgegangen. Von ihnen kennen Anthropologen inzwischen mehrere Arten. A. anamensis gilt als ältestes Mitglied dieser Gattung und – davon sind Forscher überzeugt – als quasi direkter Vorfahre von der Lucy-Art A. afarensis. Die existierte vor 3,8 bis 3 Millionen Jahren. Die Fossilien von A. anamensis sind zwischen 4,2 und 3,9 Millionen Jahre alt.

Die fossile Überlieferung von A. anamensis war bisher jedoch spärlich gesät, bis auf einige Zähne und Kieferfragmente waren kaum größere Knochenteile bekannt. Ein neu entdecktes Fossil hat die Befundlage nun deutlich verbessert. Paläoanthropologen um Yohannes Haile-Selassie vom Cleveland Museum of Natural History stießen in der Afar-Region auf einen nahezu vollständigen Schädel eines A. anamensis. Damit kennen Forscher nun auch die Gesichtsmerkmale dieser Vormenschenart. Und die neuen Erkenntnisse widersprechen der Annahme, dass A. afarensis direkt aus A. anamensis entstanden sei.

 

Das Schädelfossil mit der Fachbezeichnung MRD-VP-1/1, kurz »MRD«, entdeckten die Forscher bereits 2016 in Woranso-Mille im Afar-Dreieck. Seit 2005 haben Haile-Selassie und sein Grabungsteam dort zahlreiche Fossilien von Homininen und vor allem Wirbeltieren aus dem mittleren Pliozän frei gelegt. Auf den Fund von »MRD« folgte eine morphologische Analyse des Schädels, parallel untersuchten Geologen die Fundumgebung und bestimmten so das Alter des Fossils auf 3,8 Millionen Jahre. Aus fossilen Pflanzenresten rekonstruierten sie zudem die landschaftliche Umgebung und die Vegetation jener Zeit. An der Stelle des Fundorts befand sich einst ein See in einem weitgehend trockenen Buschland, das abwechselnd aus Grasland, Feuchtgebieten und Auwäldern bestand. Die Ergebnisse sind in zwei Artikeln im Journal Nature erschienen.

 

Wie Haile-Selassie und seine Kollegen annehmen, gehörte der etwas mehr als 20 Zentimeter hohe Schädel zu einem ausgewachsenen Männchen. Das schließen die Forscher aus der Größe der Zähne. Für ein erwachsenes Exemplar spricht zudem, dass das Gebiss bereits stark abgenutzt war. An welche Stelle im Homininen-Stammbaum gehört »MRD«? Dazu verglichen die Paläoanthropologen den Schädel mit anderen fossilen Exemplaren und fanden die größten Übereinstimmungen mit den Knochenfragmenten von A. anamensis, insbesondere die Form des vorspringenden Oberkiefers und des wuchtigen Eckzahns gleichen sich. Die Gegenüberstellung mit älteren und jüngeren Spezies ergab dann Erstaunliches: Einige Merkmale rücken »MRD« näher zu früheren Vertretern wie Ardipithecus und Sahelanthropus. Hingegen scheinen einige Merkmale »primitiver« zu sein als bei A. afarensis, etwa die vergleichsweise kleine Schädelhöhle und der weit vorragende Kieferbereich.

 

Mit »MRD« kennen Anthropologen erstmals das Gesicht eines frühen Australopithecinen. Damit ließen sich auch längst bekannte Fossilien neu beurteilen wie das 3,9 Millionen Jahre alte Schädelfragment »Belohdelie frontal« aus Äthiopien. Das seit 1981 bekannte Fossil wurde bislang der Art A. anamensis zugewiesen. Der Vergleich mit »MRD« bezeugt nun aber eine größere Ähnlichkeit von »Belohdelie frontal« mit der »Lucy«-Art A. afarensis. Wenn »Belohdelie frontal« tatsächlich zu dieser Art gehörte, existierten ihre frühesten Vertreter bereits vor 3,9 Millionen Jahren. A. anamensis wiederum durchstreifte die Afar-Region mindestens bis vor 3,8 Millionen Jahren. Daraus schließen Haile-Selassie und sein Team, dass anders als bislang angenommen A. anamensis offenbar nicht von A. afarensis abgelöst wurde, sondern die beiden Arten mindestens 100.000 Jahre nebeneinander lebten. Wie die Forscher betonen, soll damit nicht ausgeschlossen werden, dass die beiden Arten verwandt waren. Vielmehr zeigt sich, dass die Artenvielfalt und die Verwandtschaftsverhältnisse der Homininen deutlich komplexer waren als bisher angenommen.

 

Quelle: Karin Schlott für Spektrum der Wissenschaft

Foto: Matt Crow/Cleveland Museum of Natural History

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