12.08.2017

Studie: Säugetiere eroberten überraschend früh die Lüfte

Noch beherrschten die Dinosaurier die Erde, und Säuger mussten sich mit einem Nischendasein abfinden. Die Eroberung der Lüfte begannen sie dennoch schon.

 

Fledermäuse sind mit Abstand die erfolgreichsten Säugetiere, die es in die Luft geschafft haben: Mit mehr als 1200 Arten stellen sie etwa ein Fünftel aller bekannten Säugetierarten. Doch sie sind nicht die einzigen Vertreter. Auch Gleithörnchen legen relativ große Distanzen zurück, ohne den Boden zu berühren - das Riesengleithörnchen schafft unter günstigen Bedingungen mehrere hundert Meter von Baum zu Baum. Und diese gleitende Bewegung scheint sich bei Säugetieren noch früher entwickelt zu haben, als bislang gedacht wurde. Schon vor 160 Millionen Jahren - und damit noch während der Hochphase der Dinosaurierherrschaft - besaßen zwei Arten namens Maiopatagium furculiferum und Vilevolodon diplomylos lange Gliedmaßen, Zehen und Finger sowie flächige Membranen dazwischen, die ihnen das Gleiten erlaubte. Das zeige die Auswertung von Fossilfunden aus China, erklären Zhe-Xi Luo von der University of Chicago und seine Kollegen in Nature.

 

Damit entwickelten die Tiere diese Fortbewegungsart 100 Millionen Jahre, bevor die ersten tatsächlich flugfähigen Säuger auf der Erde erschienen. So erschlossen sich diese beiden Arten und ihre potenziellen Verwandten eine bis dahin nicht erreichbare ökologische Nische. Sie konnten nun Nahrungsquellen erreichen, die für andere Säugetiere nicht nutzbar waren. Mit den heutigen Gleithörnchen sind die beiden Spezies aus China allerdings nicht verwandt. Sie gehörten zur Gruppe der Haramiyida, deren älteste Funde bis in die Obertrias vor 201 Millionen Jahren zurückreichen, aber bis vor 40 Millionen Jahren im Eozän ausstarben. Sie zählen zu den Vorläufern moderner Säugetiere.

 

Beide Fossilien stammen aus der Fossilienfundstätte Tiaojishan-Formation nordöstlich von Peking und zeichnen sich durch die sehr gut erhaltene Gleithaut zwischen den Vorder- und Hinterbeinen aus. Ihr Skelett weist zudem Anpassungen an den Gleitflug auf. Wie ihre heutigen Pendants ernährten sie sich vornehmlich vegetarisch, doch mussten sie sich an Farne, Palmfarne und Nadelbäume halten, da Blütenpflanzen erst später entstanden. Heute lebende Gleithörnchen oder Gleitbeutler fressen dagegen Früchte, Blüten oder lecken Nektar. Als sich Blütenpflanzen während der Kreidezeit 100 Millionen Jahre danach entwickelten, passten sich Säugetiere daran an und bildeten erneut Flug- und Gleitfähigkeiten aus.

 

Diese Fossilien und zahlreiche andere, die in den letzten Jahren ausgegraben wurden, belegen für Luo und sein Team, wie anpassungsfähig und vielfältig Säugetiere schon damals waren - obwohl die Erde noch von Dinosauriern beherrscht wurde. Heute besetzen Säugetiere mehr ökologische Nischen als alle anderen Wirbeltierklassen: vom reinen Leben im Wasser wie Wale bis in die Luft wie die Fledermäuse.

 

Quelle: Daniel Lingenhöhl für Spektrum der Wissenschaft

Foto: April I. Neander/UChicago 

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