11.05.2019

Inka opferten Meerschweinchen mit bunten Ohrringen

Im südperuanischen Tambo Viejo stießen Archäologen auf eine äußerst seltene Art von Mumien: Meerschweinchen. Manche von ihnen trugen sogar Ohrringe aus bunten Bändern. Die Inka opferten sie vermutlich, um göttlichen Schutz für die Gebäude zu erbitten, die über den toten Tieren errichtet wurden.

 

Dass die Inka Menschen– sogar kleine Kinder opferten – ist bekannt. Wesentlich öfter brachten sie aber Tiere dar, um ihre Götter gewogen zu stimmen. Lidio Valdez, Archäologe am Institut für Andenforschung im kanadischen Edmonton, berichtet nun von einer besonderen Variante dieser Kultpraktik. Im südperuanischen Tambo Viejo, einem Verwaltungszentrum der Inka, grub er gemeinsam mit seinem Team 100 Meerschweinchenmumien aus. Was das Ganze noch ungewöhnlicher macht: Viele der Opfertiere waren sorgfältig für das Jenseits zurechtgemacht. Bunte Bänder schmückten ihre Ohren und Hälse. Einige waren in Baumwolltücher gehüllt begraben worden.

 


 

Das geschah vor etwa 480 Jahren, wie Radiokarbondatierungen von Holzkohlestücken ergaben, die die Archäologen bei den Meerschweinchen gefunden haben. Zu jener Zeit – um 1535 – hatten die Spanier den nördlichen Teil des Inkareichs mit seiner Hauptstadt Quito bereits erobert. Den Süden begannen sie gerade erst zu erkunden. Anscheinend ahnten die lokalen Stammesoberen dort nicht, dass auch sie bald ihre Macht verlieren würden. In Tambo Viejo investierten sie offenbar bis zuletzt noch in größere Bauprojekte. Die pelzigen Nager dienten ihnen dabei wohl als Bauopfer, denn sie befanden sich unterhalb der Fußböden. Auf Spuren weiterer Rituale, die diese »Grundsteinlegungen« begleitet haben, stießen die Forscher – wahrscheinlich gehörte ebenso ein Festessen dazu, schreiben sie im Fachmagazin International Journal of Osteoarchaeology.

 

Wie die menschlichen Andenmumien haben sich auch die Tierkadaver in dem trockenen Klima bemerkenswert gut erhalten. Sie waren quasi unversehrt. Nicht einmal Hinweise auf tödliche Verletzungen konnten die Forscher finden. Lidio Valdez vermutet daher, dass die Meerschweinchen lebendig begraben wurden. Ihre mit Sand verkrusteten Nasen würden ebenfalls darauf hindeuten, dass sie noch geatmet haben, als sie mit Erde überschüttet wurden.

 

Meerschweinchen geschmückt mit bunten Bändern 

Folgt man den spanischen Chronisten, so waren Meerschweinchenopferungen bei den Inka sehr weit verbreitet. Der Kolonialverwalter Polo de Ondegardo (um 1500–1575) wurde vermutlich sogar Zeuge einer damit verbundenen Heilungszeremonie, wie ethnografische Quellen nahelegen: Dabei rieb ein Schamane den Körper des Kranken mit dem noch lebenden Tier ab, dem er anschließend den Bauch aufschnitt – anhand der Eingeweideschau stellte er dann seine Diagnose. Derlei beobachteten die Spanier offenbar so oft, dass sie sogar versuchten, die Meerschweinchen auszurotten, um die heidnischen Rituale zu unterbinden.

 

Doch im Gegensatz zu solchen historischen Berichten sind archäologische Nachweise von Meerschweinchenopferungen bisher äußerst selten. Und unter den wenigen bekannten Fundplätzen bildet Tambo Viejo eine Ausnahme. Nirgends sonst gibt es Hinweise darauf, dass die Tiere lebendig begraben und vorher sorgfältig mit bunten Bändern geschmückt wurden. Auch ihre Beisetzungen unterhalb der Fußböden sind ungewöhnlich. Nur an einer vorinkazeitlichen Fundstätte im Moquegua-Tal, etwa 500 Kilometer südöstlich, entdeckten Archäologen Ähnliches. Dort wurden die Tiere vorher allerdings enthauptet. Meerschweinchen haben als Opfertiere im Süden des heutigen Perus eine lange Tradition: Bereits die frühen Nasca (zwischen 0 und 500 n. Chr.) hatten die Tiere ihren Göttern dargeboten. Valdez vermutet daher, dass auch der Ursprung des Rituals aus Tambo Viejo weit in die Zeit vor der Eroberung durch die Inka zurückreicht.

 

Meerschweinchenstall in Tambo Viejo

Den Andenbewohnern dienten die domestizierten Nager aber nicht nur zu rituellen Zwecken. Als Nahrung spielten sie wohl eine ebenso große Rolle – noch heute ist Meerschweinchenfleisch eine Spezialität der peruanischen Küche. In Tambo Viejo brachte man den Göttern offenbar die schmackhaftesten Tiere dar: Unter den Fußböden lagen fast ausschließlich Jungtiere, deren Fleisch besonders zart ist. Wahrscheinlich hielten die Bewohner die Tiere sogar auf Vorrat. In einem Gebäude der Stadt stießen die Archäologen auf ein mutmaßliches Gehege samt Futterresten und Meerschweinchenfäkalien. Außerdem fanden sich Lamaknochen in einer Ecke, wie Lidio Valdez erzählt. Auch sie waren beliebte Opfertiere der Inka. Was ihre Überreste allerdings in einem Meerschweinchenstall zu suchen hatten, bleibt derweil noch unklar.

 

 

Quelle: Verena Leusch für Spektrum der Wissenschaft 

Foto: Lidio Valdez

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