27.11.2016

Neue Rätsel um das Volk Goliaths

Im Juli 2016 präsentierten Archäologen eine Sensation: Sie hatten in der israelischen Hafenstadt Aschkelon erstmals einen großen Friedhof des biblischen Volkes der Philister freigelegt (wir berichteten). Noch nie zuvor war man auf eine derart umfangrei- che Begräbnisstätte dieses sagenumwobenen Volkes gestoßen. Erste Zwischenergebnisse wurden nun auf einem Kongress der American Schools of Oriental Research in San Antonio, Texas, vorgestellt.

 

Vielfältige Bestattungskultur

Wie Adam Aja vom Harvard Semitic Museum berichtete, sei der mehr als 3000 Jahre alte Friedhof zwar erst zu geringen Teilen erschlossen, bisher habe man aber schon die Überreste von mindestens 227 Personen freigelegt. Seiner Schätzung nach dürften dort insgesamt an die 1200 Menschen in einer Zeit- spanne von etwa hundert Jahren die letzte Ruhestätte gefun- den haben. Die Toten – Männer, Frauen und Kinder – seien überraschenderweise auf unterschiedliche Arten bestattet worden, so Aja. Die meisten Gräber seien flach angelegt und mit Beigaben versehen worden: mit Krügen oder anderen Behält-nissen, manchmal auch mit Schmuckstücken wie Bronzeohr-ringen und Armbändern, Perlen oder kunstvoll gravierten Steinen.

 

Gezeichnete Menschen

Aber auch einige versiegelte Urnen mit Ascheresten von kremierten Personen sowie steinerne Grabkammern, die gleich mehrere Tote beherbergten, wurden entdeckt. In der größten dieser Kammern fanden sich die Skelette von 23 Personen. Die Untersuchungen seien zwar noch lange nicht abgeschlossen, doch es sei jetzt schon klar, dass die bei Aschkelon begrabenen Philister ein schweres Leben hatten, sagte die Bioarchäologin Sherry Fox von der Eastern Michigan University. Viele Individuen wiesen Anzeichen von Wachstumsstörungen, Mangelernährung, Zahnschäden und anderen physischen Leiden auf.

 

Rätselhafte Herkunft

Hinweise auf Kampfverletzungen wurden an den Toten von Aschkelon überraschenderweise nicht entdeckt, obwohl die Philister den Überlieferungen zufolge gefürchtete Krieger waren. Trotz dieser neuen Erkenntnisse sei das Rätsel um die geografische Herkunft der Philister noch immer nicht gelüftet, sagte Aja. Auch sei weiterhin unklar, wann genau das Volk den Nahen Osten erreichte und wie sich das Leben in der Region kulturell auswirkte.

 

Biblische Quellen

Der Fund des Friedhofs ist auch deshalb so bedeutsam, weil die archäologische Datenlage zu den Philistern bislang äußerst dürftig war. So diente vor allem das Alte Testament als Informa-tionsquelle über diese direkten Nachbarn und Feinde der im Landesinneren lebenden Israeliten, aber auch der Kanaaniter an der Küste. So wird etwa im Buch Samuel beschrieben, wie die Philister um 1050 vor unserer Zeitrechnung die legendäre Bundeslade eroberten, sie nach einer Unglückssträhne aber wieder an die Israeliten zurückgaben. Nachhaltige Berühmtheit erlangte der Showdown zwischen dem riesenhaften Philister-krieger Goliath und dem jungen (späteren König) David.

 

Genetische Antworten

Verlässliche Anhaltspunkte über die Herkunft und die Lebensweise der Philister liefern die biblischen Texte freilich nicht. Als gesichert gilt bisher nur, dass sie Einwanderer im semitischen Siedlungsgebiet waren, wo sie von 1200 bis etwa 600 vor unserer Zeitrechnung lebten, ehe sie als eigenständige Kultur verschwanden. Die Archäologen hoffen, dass genetische Analysen mehr Licht ins Dunkel um dieses rätselhafte Volk bringen können. Aja: „Unsere Arbeit hat erst begonnen."

 

 

Quelle: Der Standard, Foto: Reuters/Amir Cohen

Ausgrabungen am Philisterfriedhof in Aschkelon, Israel.
Ausgrabungen am Philisterfriedhof in Aschkelon, Israel.

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