06.08.2019

Erklärt »arktische Hysterie« den Dyatlov-Pass-Vorfall?

Ein russischer Wissenschaftler hat eine faszinierende neue Theorie ins Spiel gebracht, die seiner Meinung nach den mysteriösen Dyatlov-Pass-Vorfall erklären könnte.

 

Der rätselhafte Zwischenfall aus dem Jahr 1959, bei dem neun Wanderer unter mysteriösen Umständen im russischen Uralgebirge starben, hat beschäftigt mittlerweile sowohl Wissenschaftler als auch Amateurforscher seit sechzig Jahren und hat bisher Dutzende von Theorien hervorgebracht, die als Erklärung dafür angeboten wurden. Die reichen von einem Lawinenunglück über geheime russische Militärversuche bis zu einem Alien- bzw. Yeti-Angriff.

Nun hat Vasiliy Mehonoshin aus der russischen Stadt Nischni Tagil eine neue Theorie zu dem Fall beigetragen. Der Forscher argumentierte gegenüber Ura News, dass die am Dyatlov-Pass ums Leben gekommenen Menschen Opfer einer bizarren Form von Verhaltensstörungen wurden, die als »arktische Hysterie« (Pibloktoq) bezeichnet wird. Pibloktoq kündigt sich durch Rückzug über Stunden bis Tage an und es folgen Zustände außergewöhnlicher Verwirrtheit und Erregtheit für bis zu 30 Minuten, dem eigentlichen Anfall, in dem die Kleider ausgezogen oder heruntergerissen werden, die Person sich im Schnee wälzt, Gegenstände zerstört werden und anderes irrationales und auch selbstgefährdendes Verhalten möglich ist, wobei es jedoch selten zu tatsächlichen Verletzungen komme. Diese Verhaltensstörung wurde vor allem bei den Eskimos im Osten Kanadas und auf Grönland, um den Polarkreis oder nördlich davon beobachtet.

 

Seiner Meinung nach würde eine arktische Hysterie die dokumentierten Fakten zum Dyatlov-Pass erklären, doch es bleibt zweifelhaft, ob er Recht hat, denn die neun Toten waren teils schwer verstümmelt, radioaktiv verseucht und ihnen waren buchstäblich über Nacht die Haare ergraut. Und es ist kein Fall von Pibloktoq bekannt, bei dem es die Opfer mit derartigen Auswirkungen zu tun hatten.

 

Die Fakten zum Dyatlov-Pass-Vorfall

Im Jahre 1959 machte sich eine zehnköpfige russische Studentengruppe zu einer Expedition auf, die von ihrem Studiengenossen Igor Dyatlov geleitet wurde und zu dem Berg Otorte im Ural führen sollte. Lediglich einer kam wieder lebend zurück, weil er die Gruppe aus gesundheitlichen Probleme frühzeitig verlassen musste, die anderen sieben Männer und zwei Frauen fanden in der eisigen Wildnis einen grausamen und mysteriösen Tod.

 

Die Studenten waren am 27. Januar in dem kleinen Dorf Vishay, am Fuße der Berge, gestartet und beabsichtigten, am 12. Februar dorthin wieder zurückzukommen. Als ihre Rückkehr überfällig wurde und es keinerlei Lebenszeichen von ihrem Verbleib gab, wurde am 20. Februar eine Vermisstenanzeige aufgegeben und ein Suchtrupp zusammengestellt. Er bestand aus Studentenkollegen der Verschollenen, Polizei und dem Militär und gemeinsam wurde mit Unterstützung von Hubschraubern und Flugzeugen das gesamte Gebiet abgesucht, in denen die Studenten gemäß ihrer geplanten Route unterwegs gewesen waren.

 

Am 26. Februar fanden die Suchtrupps schließlich das verlassene Lager der Gruppe am Hang des Berges Kholat Syakhl. Die Zelte wiesen Beschädigungen auf und die Studenten schienen ihr Lager fluchtartig verlassen zu haben, denn ihre gesamte Ausrüstung befand sich noch dort. Der Suchtrupp konnte in etwa einem Kilometer Entfernung die Leichen von Georgyi Krivonischenko und Yuri Doroshenko im Schnee entdecken. Seltsamerweise trugen sie trotz Temperaturen um die Minus 30 Grad nur ihre Unterwäsche an ihrem Körper und es machte den Eindruck, als wenn sie in Panik aus dem Zelt und um ihr Leben gelaufen wären. Offensichtlich hatten sie noch versucht, auf eine Kiefer zu klettern, um Schutz zu suchen, denn die Bäume wiesen entsprechende Spuren auf.

 

Etwa 300 Meter von diesen Kiefern entfernt fand man den Leichnam von Igor Dyatlov, nach weiteren 480 m den von Rustem Slobodin und schließlich 630 m weiter den leblosen Körper von Zinaida Kolmogorova, allesamt ebenfalls nur sehr spärlich bekleidet. Erst am 4. Mai konnte man dann auch die Leichen der vier anderen Mitglieder bergen, die unter einer rund vier Meter dicken Schneedecke 75 m weiter im Tal begraben lagen. Sie hatten zwar etwas mehr Bekleidung an ihren Leibern, sie bestand aber offenbar aus Stofffetzen und Kleidungsstücke der anderen Toten. Alle Leichen wiesen schwerste Verletzungen und Verstümmelungen auf, teilweise waren den Studenten die Augen und Zunge entfernt. Forensische Untersuchungen zeigten zudem erhöhte Dosen an radioaktiver Strahlung an den Kleidungsstücken einiger Toten. Nach den Beerdigungen gaben Angehörige der Verstorbenen an, dass die Haut der Opfer tief gebräunt ausgesehen habe und die Haare komplett grau gewesen seien. Doch was war den neuen Studenten zugestoßen? Warum verließen sie fast unbekleidet ihre Zelte und flüchteten in die todbringende Kälte? Warum wurden ihre Körper derartig verstümmelt?

 

Nun, die staatlichen Behörden verdächtigten zuerst das Volk der Mansen, dass in der Nähe lebt und dessen heiliges Gebiet die Studenten betreten hatten, doch man konnte ihnen nichts beweisen und sie selber bestritten so ein Massaker angerichtet zu haben. Schließlich wurde der Fall von der Sowjet-Regierung nach nur vierwöchiger Untersuchung für abgeschlossen erklärt und gilt seither als ungelöstes Rätsel.

 

 

© Fernando Calvo*, Foto: Public Domain

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