09.08.2017

Interview: Der Vatikan und seine Suche nach Aliens

Würden Sie einen Außerirdischen taufen? Was nach einer skurrilen Frage klingt, ist für Guy Consolmagno, Direktor der Vatikanischen Sternwarte, eine ernstzunehmende Sache. Die Erforschung extraterrestrischen Lebens sei kein Widerspruch zur Kirche, sagt er.

 

Guy J. Consolmagno ist Jesuit und Direktor der Vatikanischen Sternwarte - sozusagen der Päpstliche Chefastronom. Der Vorstellung von außerirdischem Leben, das dereinst Kontakt mit uns Erdenbewohnern aufnehmen könnte, ist er nicht abgeneigt.

 

Natürlich gebe es bislang keinerlei Beweise dafür, das Lebewesen auf anderen Planeten oder Monden existierten - doch wo es Bakterien gebe, sei auch anderes Leben denkbar, meint Consolmagno. Und wenn es auf die Erde komme und getauft werden wolle - warum nicht?

 

Der Katholik räumte ein, dass die katholische Kirche nicht immer so aufgeschlossen und gelassen gegenüber der Erforschung des Universums gewesen sei: Im Fall der Gelehrten Giordano Bruno und Galileo Galilei müsse man klar sagen - „in beiden Fällen hat die Kirche die Nerven verloren. Dieses Versagen erinnert uns daran, dass wir unsere Religion oder unsere Wissenschaft niemals als Geiselhaft nehmen dürfen für irgendwelche politischen Strömungen."

 

Danach gefragt, wie er reagieren würde, sollte er wirklich außerirdisches Leben entdecken, sagte Consolmagno: „Oh, ich würde in die Luft springen vor Freude. Denn ich hätte dann so viele großartige Dinge zu teilen mit meinen Freunden und Kollegen." Er werde sich sicherlich so fühlen, als würde er Weihnachtspäckchen öffnen.

 

Das Interview im Wortlaut:

 

Deutschlandfunk Kultur: Sie haben vor ein paar Jahren ein Buch geschrieben mit dem Titel: Wo war Gott, als das Universum geschaffen wurde?. Die englische Fassung klingt noch viel schöner, nämlich: »Würden Sie einen Außerirdischen taufen?« Und - würden Sie einen Außerirdischen taufen?

 

Consolmagno: Nur wenn Sie mich danach fragen würden. Aber diese Frage, danach, ob ich einen Außerirdischen taufen würde, die werde ich immer wieder gefragt und meine schnell dahingesagte Antwort lautete: Nur wenn sie mich danach fragen würden. Aber in der Tat, das ist eine sehr wichtige Antwort. Denn wenn Sie jemanden taufen wollen, dann müssen sie ihn vor sich haben, sie müssen mit ihm kommunizieren können, sie müssen herausfinden, ob sie ihn verstehen können und ob er Sie verstehen kann. Das alles ist eine Kette von Voraussetzungen. Und wenn dieser Kette irgendwo unterbrochen ist, dann stellt sich diese Frage - ob ich ihn taufen würde.

 

Deutschlandfunk Kultur: Wie sicher sind Sie sich, dass es überhaupt außerirdisches Leben gibt?

 

Consolmagno: In einer seltsamen Weise ist es eine Frage des Glaubens. Denn ich habe keine Beweise, dass es extraterrestrisches Leben gibt. Aber ich glaube, dass es möglich ist und deshalb forsche ich auch intensiv danach. Und als Direktor des vatikanischen Observatoriums unterstütze ich andere in unserem Observatorium, die auch danach forschen.

 

Deutschlandfunk Kultur: Das ist ja ein bisschen an der Schnittstelle von Science und Fiction, worüber wir reden. Welche Vorstellung haben Sie von außerirdischem Leben?

 

Consolmagno: Ich wäre sehr überrascht, wenn es kein außerirdisches Leben gäbe, zumindest bakteriologisches Leben. Es gibt Hinweise auf bakteriologisches Leben auf dem Titan, dem größten Mond des Planeten Saturn. Und der Titan ist so kalt, dass wir uns dort keine Leben vorstellen könne, wie wir es kennen. Aber organische Verbindungen können seltsame und wunderbare Dinge schaffen und wer weiß, ob sie nicht Leben selbst in der Kälte des Titans erzeugen können.

 

Deutschlandfunk Kultur: Sie sind Jesuit, ein Mann des Glaubens. Ändert diese Sicht auf die Wissenschaft - auf das, was außerhalb der Erde ist - vielleicht auch Ihre Sicht auf die Schöpfung?

 

Consolmagno: Unbedingt. Das passiert schon, wenn sie damit beginnen, Science-Fiction zu lesen. Wenn Sie beginnen zu verstehen, dass andere Möglichkeiten existieren, wie das Universum auch aussehen könnte. Die Veränderungen beginnen schon hier, wenn Sie ihr eigenes Land verlassen und wenn Sie auf einem anderen Kontinent oder in einer anderen Kultur leben.

 

Ich zum Beispiel lebe in Europa und in Amerika und ich habe auch in Afrika gelebt. Und Sie realisieren, dass so viele Dinge, die sie für gesetzt hielten, es nicht sein müssen. Und deshalb ist es für mich so wichtig, Katholik zu sein. Denn der Ursprung dieses Wortes bedeutet »universal«, allumfassend. Und es bedeutet auch, dass Gott tiefer und reicher ist, als wir es ermessen können, auch Gottes Schöpfung. Und wir sind eingeladen, beides zu begreifen: wie wenig wir wissen und wie schön die Dinge sind, die wir noch lernen müssen.

 

Deutschlandfunk Kultur: Die Kirche war immer sehr fixiert auf die Einzigartigkeit der Schöpfung. Im Jahr 1600 wurde in Rom Giordano Bruno verbrannt, weil er gesagt hat: Wenn das Weltall unendlich ist, dann muss es unendlich viele Erden geben und auch unendlich viele Welten. Da ist die Kirche inzwischen weiter, oder?

 

Consolmagno: Der Fall Giordano Bruno ist anders gelagert als Sie ihn beschrieben haben. Diese Beschreibung des Falls von Giordano Bruno war eine politische Erfindung am Ende des 19. Jahrhunderts. Politiker versuchten Wege zu finden, um die Kirche fertig zu machen. Niemand sollte verbrannt werden. Es natürlich absolut falsch, dass ihm das zugestoßen ist. Aber die Idee von unendlichen Welten ist nicht ursprünglich von ihm gewesen. Kardinal Nikolaus von Kues hatte schon im 14. Jahrhundert darüber geschrieben. Es bestand schon immer die Möglichkeit, dass Gott so viele Universen erschaffen kann wie er will. Das zu leugnen hieße die Macht Gottes zu verleugnen. Doch die Kirche war dem gegenüber immer offen.

 

Bruno war kein Held der Wissenschaft, im Gegensatz zu Galileo. Die Art wie die Kirche Galileo schlecht behandelt, zu der gleichen Zeit, war auch ein Verbrechen der Schande. Daher hat sich die Kirche ja auch entschuldigt in Bezug auf Galileo. In beiden Fällen hat die Kirche die Nerven verloren. Dieses Versagen erinnert uns daran, dass wir unsere Religion oder unsere Wissenschaft niemals als Geiselhaft nehmen dürfen für irgendwelche politischen Strömungen.

 

Wir leben alle unter dem gleichen Himmel. Wir alle müssen das gleiche Universum studieren, egal was für eine Politik wir verfolgen oder welche Religion wir haben. Wenn wir nach Gott suchen, müssen wir nach der Wahrheit suchen. Wenn wir nach der Wahrheit suchen, machen wir gute Wissenschaft. Alles andere als nach der Wahrheit zu suchen, ist schlechte Wissenschaft und schlechte Religion.

 

Deutschlandfunk Kultur: Wie bringen Sie Ihren Glauben, gerade beim Thema "außerirdisches Leben", zusammen mit der wissenschaftlichen Forschung? Es gibt viele Forscher, die sagen: Es gibt keinen Gott, es gibt keinen Grund für Religion. Wie passt das bei Ihnen zusammen?

 

Consolmagno: Wissen Sie, um zu behaupten „Es gibt keinen Gott", braucht man eine ziemlich genaue Vorstellung von diesem Gott, von dem man sagt, dass er nicht existiert. Der Gott, an den sie nicht glauben, vielleicht glaube ich an den auch nicht.

 

Mir gibt mein Glaube den Mut, wissenschaftlich zu arbeiten. Wenn ich nach Leben suche, weiß ich nicht, ob ich es finden werde. Aber ich bin überzeugt, selbst wenn ich es nicht finde, werde ich gute Dinge finden, die es wert sind, erforscht zu werden. Wenn ich glauben würde, das Universum wäre komplett zufällig, gäbe es nichts zu erforschen. Es ist mein Glaube an einen schöpfenden Gott, einen Gott, wie er in der Heiligen Schrift beschrieben wird, der mir  den Mut gibt zu sagen, das Universum macht Sinn, das Universum ist es wert erforscht zu werden.

 

Und die Freude, die ich fühle wenn ich Wahrheit finde, die gleiche Freude, die jeder Wissenschaftler empfindet, egal ob er Atheist ist oder nicht, das ist für mich der Beweis der Präsenz eines guten Schöpfergottes der uns antreibt und will, dass wir entdecken, wie großartig das Universum wirklich ist.

 

Deutschlandfunk Kultur: Ich würde mir zum Abschluss gerne Guy Consolmagno vorstellen, wie er die Entdeckung macht: Es gibt außerirdischen Leben. Wie würden Sie reagieren?

 

Consolmagno: Oh, ich würde in die Luft springen vor Freude. Denn ich hätte dann so viele großartige Dinge zu teilen mit meinen Freunden und Kollegen. Wissen Sie, wenn meine Freunde oder Kollegen es finden würden, würde ich genauso in die Luft springen. Wer weiß, was das Universum uns noch bringen wird. Jeder Tag ist wie Weihnachten, jeder Tag gibt es ein neues Päckchen, das man öffnen kann.

 

Deutschlandfunk Kultur: Glauben Sie, wir sind nahe daran, außerirdisches Leben zu entdecken?

 

Consolmagno: Das ist eine Frage des Glaubens. Es mag 30 Jahre dauern, es mag 50 Jahre dauern. Ist das bald? Vielleicht erst, wenn ich nicht mehr da bin. Aber bald genug, so dass davon ausgehe,  dass wohl einige, die heute bereits  leben und die in die Forschung gehen werden, wohl eine Chance haben, mehr als eine Art von Leben studieren zu können. Und wird das nicht fantastisch sein? 

 

Quelle: Deutschlandfunk Kultur

Foto: Jan Christoph Kitzler/Deutschlandradio 

Guy Consolmagno, Direktor der Vatikanischen Sternwarte
Guy Consolmagno, Direktor der Vatikanischen Sternwarte

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